Gutachten Kloster Weddinghausen

16 Apr
16. April 2013

Während meinem Praxissemesters bei Kalhoefer-Korschildgen Architekten in Köln war es meine Aufgabe, alle vorhandenen Grundrisse, Ansichten und Schnitte des Ostflügels aus den letzten Jahrzehnten zu sichten, zu korrigieren, zu bemassen und zu digitalisieren. Im nächsten Schritt vermaß ich den Flügel erneut und kennzeichnete die Umbauten. Auf dieser Basis erstellte ich danach zur Verdeutlichung unserer Vorstellungen ein 3-D-Modell. Zusammen mit Professor Gerhardt Kalhöfer und Marc Rogmans erstellten wir Grundrisse, Renderings und Piktogrammen für die Umbaumaßnahmen . Wir trafen uns mit den Verantwortlichen und erstellten Visualisierungen der Ideen und Konzepte. Am Ende meines Praxissemesters verfassten wir ein Gutachten für die Bauherren.

Ziel des Gutachtens

Die Kirche benötigt Flächen des Ostflügels nicht mehr und will deshalb den ehemaligen „Klosterhospitalflügel“ (vor 1700) nördlich der alten Klosterbibliothek (städtisch) abreißen. Das Gutachten entwickelt eine Alternative dazu. Es beleuchtet den Ostflügel in Bezug auf eine paritätische Nutzung durch Kirche und Stadt. Dabei werden die Organisation der Nutzung, die Konstruktion und die Kosten einer Umgestaltung analysiert und dargestellt.

Geschichte und Bedeutung des Klosters

Die Geschichte von Kloster Weddinghausen geht weit über die Region Westfalens hinaus und ist Teil einer europäischen Kulturgeschichte. Gegründet als Sühnekloster von Graf Heinrich I. v. Arnsberg nach seinem Brudermord war das Kloster Entstehungs- und Aufbewahrungsort bedeutender mittelalterlicher Handschriften. Der Gero-Codex von Wedinghausen zählt heute zum Unesco Kulturerbe. Von herausragender Bedeutung ist die Flucht des Kölner Domschatzes samt Dreikönigsschrein in den napoleonischen Wirren und Rettung durch seine Aufnahme im Kloster Wedinghausen. In Wedinghausen wirkten Persönlichkeiten, die als heilig gelten (Richard, Christian und Heinrich von Wedinghausen), bzw. wichtige europäische Bezüge hatten (Richard Rahm). 200 Jahre nach seiner Auflösung wird Kloster Wedinghausen heute wiederentdeckt. Forschungen und baulichen Entwicklungen des Klosters seit nunmehr 10 Jahren zeigen, dass sich Arnsberg seiner bedeutenden Geschichte und Zukunft an diesem Ort bewusst ist.

Nutzung vom Kloster Weddinghausen

Kloster Wedinghausen ist ein Ort vieler Nutzer, an dem die wichtigen öffentlichen Institutionen Arnsbergs vertreten sind. Der Ostflügel wird von der katholischen Kirchengemeinde St Laurentius genutzt, der Westflügel von der Stadt, die dort das Stadt- und Landständearchiv und eine Dauerausstellung zum Kloster untergebracht hat. Die Stadt stellt das Lichthaus u.a. Kunstverein, Theatron-Theater, Theatergruppen und Schulen zur Verfügung. Das Lichthaus ist bereits anerkannter Ausstellungsort für zeitgenössische Kunstprojekte. Die alte Klosterbibliothek wird vom Gymnasium Laurentianum und der Stadt gemeinsam genutzt. Kloster Wedinghausen ist nach der Umgestaltung ein von Vielen vital genutzter Ort geworden.

Beschreibung des Ostflügels

Der Ostflügel des Klosters verfügt im Vergleich zum Westflügel über die bedeutendere historische Bausubstanz. Sein Kreuzgang besitzt Malereien und Ornamente im Kreuzgratgewölbe. Der Kapitelsaal hat reich ornamentierte Deckenbalken und in der Sakristei findet man besondere historische Einbauten und Möbel. Beeindruckend und herausragend ist der Dachstuhl über den Kirchengewölben der vom Ostflügel zugänglich ist.
Der Ostflügel ist jedoch nicht im Originalzustand erhalten. In zahlreichen Umbauten des 20. Jhr. wurde die Substanz konstruktiv und baulich überformt oder zerstört. So wurden die historischen Raumfolgen auf der 2. Ebene nahezu gänzlich zerstört. Die Mönchzellen sind nicht mehr erkennbar. Auf der Kreuzgangebene sind die Umbauten weniger zerstörerisch. Die Vergrößerung des Kapitelsaals und der Einbau einer Bühne haben jedoch die historische Raumproportion verändert. Dabei wurde die ursprüngliche Decke konstruktiv neu geordnet und durch den Einbau einer gewaltigen Betonscheibe auf der Mönchzellenebene ein stützenfreier Raum ermöglicht. Die Betonscheibe erschwert nicht nur eine zukünftige Dachnutzung, sondern stellt auch für die Mönchzellenebene eine nahezu undurchdringliche Barriere dar.
Im Bühnenbereich wurden zusätzliche Stahlstützen eingebaut, die am Rand der Bühne im Augenblick nicht stören, jedoch einen zukünftigen Um-/Rückbau behindern. Außen entwertet der Einbau eines Wintergartens zwischen Ostflügel und der hinteren ehemaligen Lazarettbebauung die historische Ansicht.

Denkmalpflege

Die Umgestaltung des Ostflügels muss als Chance gesehen werden den Bau auf seinen ursprünglichen Charakter zurückzuführen. Ziel ist der Abbruch und Rückbau der unhistorischen An- und Einbauten, um die historisch prägende Gebäudeerscheinung und Raumstruktur wiederherzustellen. Proportion und Raumgröße der wichtigen Räume, des Kapitelsaals und der Mönchszellen auf der 2. Ebene des Ostflügels sollen wieder erlebbar gemacht werden. Abgerissen werden sollte der Zwischenbau des Wintergartens, der die historische Fassade verbaut.
Allerdings ist ein Teil der konstruktiven Eingriffe nicht mehr veränderbar. Der Rückbau der gewaltigen Betonscheibe auf der Mönchszellenebene ist nur unter hohen Kosten möglich. Die damit verbundenen Umbauten im Kapitelsaal haben die ursprüngliche Raumwirkung zerstört, jedoch auch einen stützenfreien Raum und damit eine bessere Nutzung hergestellt. Der Widereinbau einer Stütze ist möglich, jedoch aus Nutzungsgründen problematisch. Die Unterstützung der darüber liegenden Betonscheibe könnte jedoch auf der Mönchszellenebene einen Tür ermöglichen und die Barrierewirkung beseitigen.
Im Bühnensaal neben dem Kapitelsaal konnten, da die Decke verkleidet ist, keine Aussagen zur historischen Substanz getroffen werden. Im weiteren Planungsverlauf sollte die Decke geöffnet und der historische Restbestand und Konstruktion untersucht werden. Je nach Befund könnte die historische Situation wiederhergestellt werden. Hier ist der Kosten/Nutzen Aspekt zu klären.
Auf der Mönchszellenebene sind die Höhen nicht klar. Hier stellt sich die Frage ob der Boden im Bereich des Gemeindesaals aufgedoppelt wurde. Dafür spricht, das die Brüstungshöhen der Fenster geringer als üblich sind. Auch hier wäre wenn möglich ein Rückbau sinnvoll, da dies zu einer Verkürzung der Behindertenrampe zum hinteren Bereich des ehemaligen Lazaretts führen könnte.
Im Außenbereich sollte auch der rückwärtige Garten neu geplant bzw. nach historischen Quellen rekonstruiert werden. Die jetzige Gestaltung mit Waschbetonplatten kann bei einem aufwertenden Umbau im Inneren nicht belassen werden.
Vorraussetzung einer weiteren Planung und auch einer viel genaueren Kostenschätzung ist den Ostflügel an vielen Stellen von der Bauforschung genauer untersuchen zu lassen. Erst danach lässt sich der Bereich Kapitelsaal/ Bühnenraum ehemaliges Lazarett und auch die Mönchszellenebene abschließend planen.

Fluchtwege und barrierefreier Zugang

Die Nutzung der 2. Ebene zu Ausstellungs- / Erlebniszwecken ist nur dann möglich wenn eine 2. Fluchttreppe eingebaut wird. Diese muss zudem durch eine Brandmeldeanlage ergänzt werden. Die im Augenblick nur von der Hausmeisterwohnung genutzte Treppe im Nördlichen Teil des Ostflügels muss für die gesamte 2. Ebene als 2. Fluchtweg zugänglich gemacht werden. Die Treppen müssen zudem brandschutztauglich ertüchtigt werden.
Ebenso ist ein barrierefreier Zugang der Etagen zwingend nötig. Der Ostflügel und der hintere Teil des ehemaligen Lazaretts besitzen jedoch 4 unterschiedliche Niveaus auf 2 Etagen. Kreuzgangebene Mönchszellenebene und 1. Ebene des hinteren Teils des ehemaligen Lazaretts sind durch einen Aufzug mühelos zu erreichen. Der barrierefreie Zugang der 2. Ebene des hinteren Teils des ehemaligen Lazaretts muss jedoch zusätzlich über eine Rampe oder einen Plattformlift erschlossen werden.

Ausstellungen

Die Stadt würde im Ostflügel die Dauerausstellung des Westflügels komplettieren. Zu unterscheiden ist zwischen der Ausstellung des historischen Gebäudes an sich (z.B.: Erleben der Mönchszellen), sowie Dauer- und Wechselausstellungen. Um das Gebäude an sich zu zeigen, sollte ein zugänglicher Parcours gestaltet werden, der die wichtigsten historischen Räume erlebbar macht, oder wenn das nicht möglich ist, visuell öffnet. Dazu gehören: Kreuzgänge, West- und Ostflügel, Kapitelsaal, Sakristei (visuell öffnen), ehemaliger Weinkeller und alte Klosterbibliothek, Pfarrgarten hinter dem Ostflügel. In Zukunft sollte auch darüber nachgedacht werden den Dachstuhl über der Kirche zugänglich zu machen. Dieser besitzt eine beeindruckende und einzigartige räumliche Qualität, die von allen Räumen des Klosters sicherlich für Besucher und Touristen am eindrücklichsten ist.
Die Nutzung des Ostflügels zu Ausstellungszwecken ist nur dann vorstellbar, wenn ein Ausstellungsraum auch auf der Kreuzgangsebene vorhanden ist. Die Ausstellungen bestehen aus Dauer- und Wechselausstellungen. Eine Lösungsmöglichkeit besteht darin im ehemaligen Bühnenraum eine Dauerausstellung einzurichten, die sich im Bedarfsfall in den Kapitelsaal erweitern kann. Da der ehemalige Bühnenraum komplett saniert wird und davon auszugehen ist, dass er weitgehend zerstört wurde, bietet sich hier die Chance einer modernen Gestaltung, die einer zeitgemäßen Dauerausstellung entspricht (vorbehaltlich der Ergebnisse der Bauforschung). Der Kapitelsaal wird prioritär von der Kirchengemeinde genutzt. Im Fall einer Wechselausstellung kann die Kirchengemeine auf andere vorhandene Säle ausweichen.
Die 2. Ebene der Mönchszellen soll erlebbar gemacht und auch zu Ausstellungszwecken genutzt werden. Die historische Raumstruktur sollte wiederhergestellt werden. Da der historische Bestand und die Einbauten der Mönchszellen in mehreren Umbauten zerstört wurden, stellt sich jedoch die Frage, ob eine Rekonstruktion im Gesamten umgesetzt werden sollte. Die Betonscheibe unterteilt die Ebene irreparabel. Eine Gesamtwirkung und das Erleben wie es einmal war kann nur auf Teilflächen wiederhergestellt werden. Sinnvoll erscheint eher die Wiederherstellung der Raumstruktur in einer modernen Interpretation die eine moderne Ausstellungsgestaltung ermöglicht. Die Zellen könnten das Leben bedeutender Mönche aus unterschiedlichen Epochen darstellen. Die Ausstellungsarchitektur sollte das Leben der Möche erlebbar machen.
Historisch vorhandene Öffnungen zum angrenzenden ehemaligen Bibliothek und Weinkeller können voraussichtlich mühelos wiederhergestellt werden. Die Anbindung zur ehemaligen Bibliothek könnte sogar den Vorteil haben den bisher nicht barrierefreien Zugang zu ermöglichen, da im Ostflügel ein Aufzug eingebaut wird.

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